Sommerkonzert mit dem Ensemble Pizzicato am 26. und 27. Juli 2025

Drei große "M“ standen auf dem Programm:

Mendelssohn-Mozart-Meyerbeer, dirigiert vom vierten „M“, Dimitra Maragoudakis sowie Rudolf W. Haidu. Wer jeweils erst eine Viertelstunde vor den Konzerten an Samstag und Sonntag eintraf, hatte Pech und musste sich mit einem Stehplatz begnügen. 

Mendelssohn ist mit Würzburg u.a. durch seinen Enkel, den komponierenden Juraprofessor Albrecht Mendelssohn Bartholdy und seinem „Weinberg Mendelssohn“ in Randersacker verbunden. Die Hebriden-Ouvertüre seines damals erst 20jährigen Großvaters Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) ist die Glanznummer eines jeden Sinfonieorchesters. Mendelssohn schenkt bekanntermaßen den Streichern nichts, warum auch? Die brillante Geigerin und Konzertmeisterin Edith Endres wirbelte mit ihrer Violingruppe sicher und sauber in die höchsten Lagen empor. Markus Verna, Solopauker unseres Stadttheaters und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, ließ es dazu ordentlich donnern und krachen, während das mächtige Blech toste. Das hervorragend geformte, semiprofessionelle Ensemble ließ sich mit Bravour von Frau Maragoudakis durch alle wilden Passagen leiten und füllte die Neubaukirche mit romantischer Klangpracht. 

Überhaupt bot die übervolle Neubaukirche dazu eine überraschend transparente Akustik. Ein Höhepunkt der Hornliteratur ist das vierte Hornkonzert von W.A. Mozart (1756-1791). Mit dem Würzburger Solisten Tobias Maiwald fand sich für das Kammerorchester "Ensemble Pizzicato" ein kongenialer Solist, der nicht nur alle turbulenten Läufe und Sprünge glanzvoll meisterte sondern auch die lyrischen Cantilenen, das „singende Allegro“ Mozarts, mit hingebungsvollem Schmelz zum Klingen brachte. Dem „Ensemble Pizzicato“ entsprudelte unter dem Zauberstab von Frau Maragoudakis Mozarts spritzig-perlender Champagner-Klang. Die Ohren der Zuhörer schlürften ihn begierig und spendeten üppigen Applaus.

Der zweite Teil des Konzertes war eine Würzburger Doppelpremiere. Zum einen die erstmalige Kooperation zwischen dem Valentin-Becker-Chor und dem „Ensemble Pizzicato", zum anderen die von vielen Musikfreunden mit Spannung erwartete Würzburger Erstaufführung von Giacomo Meyerbeers kleinem Oratorium "Gott und die Natur“, komponiert 1811 in Würzburg. Ein Jahr Vorbereitung ging dem ambitionierten Vorhaben voraus. Die Initiative dazu hatte der junge Gymnasiallehrer, Organist, Komponist und Dirigent Rudolf W. Haidu, der immer wieder mutig musikalische Juwelen der jüdischen Musikkultur des 19. Jarhunderts ausgräbt, diesmal eben die lyrische Rhapsodie "Gott und die Natur“ von Jakob Meyerbeer (1791-1864). Meyerbeer, geboren in Mozarts Sterbejahr 1791, stand zur Zeit der Komposition (1811) noch hörbar unter der musikpädagogischen Fuchtel des greisen Würzburgers Abbé Joseph Vogler, eines eher konservativen, an der Klassik klebenden Komponisten, der von vielen Zeitgenossen, vor allem aber von sich selbst für eine unfehlbare musikalische Autorität gehalten wurde. Titel, Text und Anlage dieses ca. 60 minütigen Miniatur-Oratoriums gemahnen an Haydns „Schöpfung“ und ihren trotzig-restaurativen Ton. Der 20jährige Meyerbeer entwickelt brav seine klangmalerischen Szenen über Rezitative und Arien hin zu prächtigen Chortableaus und finalen Chorfugen. Der Valentin-Becker-Chor brachte sie unter Haidus sensiblem Dirigat mit Frische und stürmischer Begeisterung zum Klingen. Die strahlenden Frauenstimmen im „Chor der Blumen“ oder die sonoren Männerchoreinwürfe im Chor „Wo soll das Gemüth sich halten?“ hatten sich schnell als „Ohrwürmer“ festgesetzt. 

Musikalisch beglückend auch das edle Solistenquartett: Die Sopranistin Victoria Sommerer schwang sich in ihrer Arie „Es geht aus seinem Strahlenthor“ jubilierend in schwindelerregende Höhen empor, die Altistin Charlotte Schmalzl hat gerade auch in der mittleren Lage jenes seltene romantisch-warme Timbre. Nicht mehr wegzudenken aus der Würzburger Kulturszene ist der Tenor Stefan Schneider, der in der großen Arie „Den Blumen schmückest du ihr Gewand“ mit seinem weichen lyrischen Schmelz bezauberte. Lorenz Schober hat in seinem Bass-Bariton jenes gewisse Etwas, das in Oper, Lied und Ensemble gleichermaßen fasziniert. Er trug elegant die Solisten-Ensembles und veredelte den Gesamtklang. Alle Beteiligten bewiesen, dass der Debutant „Jakob Liebmann Meyer Beer" nach mehr strebte, als artig Dur und Moll auseinanderzuhalten. Bemerkenswert ist die an Wagner gemahnende Verwendung einer Bassklarinette in „Hörst du die Posaun‘ erklingen“ und eines dritten Fagotts. Oh weh, Wagner! Der charakterlich wenig überzeugende Richard Wagner, gewissermaßen auch ein Würzburger, sudelte einst diverse antisemitische Schmutzeleien über seinen Wohltäter Meyerbeer. Umso überraschender, als man einige wunderschöne Wendungen aus diesem Jugendwerk Meyerbeers auch später bei Wagner wiederfindet. Plagiat-Alarm! 

Der sich von Konzert zu Konzert verjüngende Valentin-Becker-Chor brachte all diese Schönheiten voll mitreißender Begeisterung zum Klingen. Es ist ein kleines Wunder, wie es Rudolf Haidu gelingt, mit unbekannten Werken viele Jung und Alt zum Mitmachen zu begeistern.

Was für ein Glück auch, dass Meyerbeer aus dem muffig-restaurativen Deutschland ins weltoffene Paris auswanderte um der zu werden, den wir heute kennen: den Meister der französischen „Grand Opéra“, aber: Es begann in Würzburg! Nochmals allen Ausführenden: Bravo, bravissimo! 

 

Harald O. Kraus